Bedeutung von Künstlernachlässen

Blick in das Atelier von Klaus Thiede (1939-2016), Foto: Ulrich Wohlgemuth

Bildende Künstler*innen reflektieren gesellschaftliche Zustände. Sie haben einen erheblichen Anteil an den kulturellen Leistungen und sind im besten Falle Seismografen der Gesellschaft. Insofern sind die Ergebnisse ihrer Arbeit von öffentlichem Interesse und müssen geschützt und bewahrt werden. Bekannte Künstler*innen haben es hier leichter als ihre weniger erfolgreichen Kollegen. Ihre Nachlässe stoßen auf ein größeres öffentliches Interesse. Hier gilt es, gegenzusteuern. Wir Nachkommenden bestimmen, welche Schätze verloren gehen. Wir bestimmen das Maß an Wertschätzung, das wir den Lebenswerken von Künstler*innen entgegenbringen. Dazu gehören auch die Lebenswerke derjenigen, die es nicht geschafft haben, sich auf dem Kunstmarkt zu etablieren. Auch ihr Werk besitzt kulturelle Werte, seien sie auch vornehmlich von regional-historischer Relevanz oder werden in ihrer Bedeutung erst in der Zukunft erkannt. In ihrer Gesamtheit zeigen sie die Vielfältigkeit künstlerischen Schaffens in einer Zeit und geben u. a. Aufschluss über künstlerische Gemeinsamkeiten und Unterschiede eines Zeitstiles.

Viele Aufgaben für viele Akteure

Verschiedene Umstände, zu denen nicht zuletzt ein sich wandelnder Kunstbegriff gehört, haben die Zahl künstlerisch Tätiger und damit die Anzahl von Nachlässen erhöht. Das wirft Fragen auf und erfordert Lösungen. In welcher Anzahl, in welcher Form und in welchem Umfang sollten Nachlässe bewahrt werden und präsent bleiben? Auf welche Weise lassen sich die Erfordernisse unter den gegebenen Verhältnissen realisieren? Für das Gelingen einer erfolgreichen Nachlass-Kultur sind Bemühungen unterschiedlichster Akteure erforderlich. Lebenswerke von Künstler*innen haben unterschiedlichen Umfang. Es ist eine Sache der Erb*innen, damit umzugehen. Sind die Dinge geordnet, ist es einfacher. Von den Künstler*innen erwarten wir deshalb eine sorgfältige Pflege ihres Werkes (digitale/analoge Dokumentation) und die Festlegung eines für sie bedeutsamen Kernbestandes. Von den Nachlassverwalter*innen bzw. Erb*innen ist zu wünschen, dass sie sich kompetent beraten lassen, dass sie sich Unterstützung suchen in juristischen Fragen und bei der Aufgabe, Ordnung in den Nachlass zu bringen. Von den politischen Entscheidungsträgern fordern wir eine angemessene Wertschätzung der Problematik, die in vernünftigen Rahmenbedingungen und der Bereitstellung von finanziellen Mitteln und/oder Räumlichkeiten mündet.

Aufgaben und Ziele des BBK Sachsen-Anhalt

Wir als Künstlerverband sehen unsere Aufgabe in der fachlichen Unterstützung und Beratung von Künstler*innen wie auch von Nachlassverwalter*innen bzw. Erb*innen. Wir möchten "nach innen" für die Werkpflege sensibilisieren und "nach außen" für das Zustandekommen der erwähnten Rahmenbedingungen streiten. Gemeinsam mit Partnern des Landes Sachsen-Anhalt möchten wir ein tragbares Konzept für eine fundierte Beratung und die fachgerechte Unterbringung von Nachlässen entwickeln. Auch überregional nehmen wir weiter am Diskurs über die Nachlassproblematik teil, u. a. durch die Mitwirkung in der "AG Digitalisierung und Kernbestandsdepot" des Bundesverbandes Künstlernachlässe (BKN).

Zukunftspläne: Nachlass-Archiv für Sachsen-Anhalt

Von großer Wichtigkeit für die Nachlassproblematik sind die Möglichkeiten der Digitalisierung, die heutzutage zur Verfügung stehen. Dank der Förderung durch die Investitionsbank Sachsen-Anhalt ist der BBK seit Mai 2018 in der Lage, eine Datenbank aufzubauen, die der digitalen Werkdokumention von Vor- und Nachlässen bildender Künstler*innen in Sachsen-Anhalt dient. Unser Fernziel ist und bleibt jedoch ein lebendiges Nachlass-Archiv. Es sind schon viele Nachlässe verloren gegangen und weiteren Nachlässen droht die Zerstörung. Sie sind dann als wichtige Zeugnisse für die Kulturgeschichte des Landes oder auch einzelner Regionen nicht mehr verfügbar. Deshalb ist die Einrichtung eines Nachlass-Archivs für Sachsen-Anhalt von großer Bedeutung. Dafür muss eine Lösung gefunden werden. Der BBK Sachsen-Anhalt will zur Lösung des Problems beitragen. Er befördert weiterhin den Austausch zwischen den wichtigen Akteuren im Land, um die Notwendigkeit eines Nachlass-Archivs im Gespräch zu halten und im Bewusstsein zu verankern. Für die Frage, wie so ein Nachlass-Archiv in Sachsen-Anhalt aussehen könnte, werden verschiedene Möglichkeiten untersucht: z. B. ob eine der bereits bestehenden Institutionen um ein Nachlass-Archiv erweitert werden könnte. Der BBK legt großen Wert auf die produktive Arbeitsform eines solchen Archivs. Er versteht es vor allem als lebendige Austauschplattform mit Leihverkehr, Leihausstellungen, Vermietungen, wenn möglich auch Verkäufen und eigenen Ausstellungen, damit das kulturelle Erbe im Umlauf gehalten wird und lebendig bleibt.